Giora Feidman & Rastrelli Cello Quartett

Alle sitzen auf ihren Plätzen, die Cellisten, die Zuschauer. Wartend. Das erste, was von Giora Feidman zu hören ist, sind die sanften Töne seine Klarinette. Mit der Musik kommt er herein, spielt leise, geheimnisvoll. Die Menschen sehen sich gespannt um. Da, einige Lacher, als er eine bekannte Melodie anspielt: Hänschen klein. Wohl für eines der Kinder in den hinteren Reihen. Er geht in kleinen Schritten nach vorne. Das vorsichtige Gehen, die gebeugte Haltung, man merkt ihm sein Alter deutlich an und noch immer strahlt er eine solche Freude an der Musik aus.

Er lässt uns Zuschauer einen Ton anstimmen, den wir halten sollen. Dazu spielt er eine kraftvolle Melodie, exotisch und auch hier ein wenig geheimnisvoll. Als die Cellisten schließlich mit ihm gemeinsam spielen, spielen sie ein fröhliches Lied an, die Freude sprüht dabei nur so aus ihren Augen. Es ist mitreißend und unheimlich bewegend eine solche Freude an der Musik beobachten zu dürfen. Später spielen sie ungezügelte, wilde Musik. Und auch dabei ist die Liebe zur Musik nicht zu übersehen.

Das Gemeinsam, das Miteinander beeindruckt mich. Sie sind nicht nur aufeinander eingespielt, sie spielen mit der Musik, miteinander. Immer wieder sehe ich, wie sie sich verschmitzte Blicke zuwerfen, wie sie sich zulächeln.

Das Konzert ist sehr vielseitig. An manchen Stellen so sanft, an manchen Stellen so laut und schnell. Und an manchen Stellen hört man Feidmans jüdische Seele singen, während sie spielen. Manchmal habe ich fast das Gefühl, auf einer jüdischen Hochzeit zu sein, so fröhlich und kraftvoll spielen sie. Er blickt sich immer wieder um, mehr als nur einmal habe ich das Gefühl, er sehe mir in die Augen. Er beendet die erste Hälfte mit den Worten das nirgendwo geschrieben stehe – nicht in der Bibel, nicht in Tora oder Koran – dass die Zugabe am Ende des Konzerts erfolgen müsse. Und so spielt er sanft die Komposition aus deutscher, israelischer und palästinensischer Nationalhymne an. Ich habe noch niemals zuvor jemanden eine Nationalhymne so zärtlich und liebevoll spielen hören. Das Singen der Zuschauer begleitet die Musiker aus dem Raum. Es bricht nach ihrem Verschwinden nicht ab, das Lied wird gemeinsam beendet, erst danach zerstreuen sich die Menschen in die Pause.

Die zweite Hälfte ist nicht weniger vielseitig als die erste. Manchmal ist die Musik wild und scharf, manchmal beschwingt und gesittet, manchmal todtraurig und wehmütig. Aber durchgehend leidenschaftlich und liebevoll. Manchmal werde ich den Gedanken nicht los, dass sie das Cello wie eine Geliebte im Arm halten, die sie trösten. Beim letzten Lied bittet Giora Feidman uns alle, die Augen zu schließen und geht hinter um sich auf seinen Stuhl zu setzen und die Cellisten spielen zu lassen. Ich kann seiner Bitte nicht nachkommen, doch ich senke respektvoll den Blick. Das Lied, das sie spielen ist wunderschön und traurig. Ich habe Tränen in den Augen und sehe weiterhin auf meine Hände, damit niemand sie sieht.

Und nun? Jetzt ist das Konzert vorbei und ich sitze in der Dunkelheit, während ich diese Worte schreibe, ohne sie zu sehen… Unsicher, ob ich sie später überhaupt werde lesen können. Der Wind hat mich die Melodie vergessen lassen, doch ich spüre ihre Schönheit nachklingen und sitze weinend in der kühlen Nachtluft, weil ich sie verloren habe. Ich wusste schon während sie spielten, dass ich sie verlieren würde. Sie war so flüchtig, so zart und anmutig, so unglaublich wunderschön.

Und ich weine, weil ich sie verloren habe.

Und ich weine.

Ich weine.

 

Es sind einige Tage vergangen und ich habe die Melodie noch immer nicht gefunden, doch es geht mir inzwischen besser. Ich bin definitiv ein Fan des Rastrelli Cello Quartetts geworden und werde mir baldmöglichst eine CD zulegen. Den Text, den ich hier geschrieben habe, habe ich Wort für Wort aus meinem Notizbuch übernommen. Ich habe nichts an dem, was ich an diesem Abend geschrieben habe verändert, das ist das Ehrlichste.

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2 thoughts on “Giora Feidman & Rastrelli Cello Quartett

    1. Danke für dein positives Feedback. Dieses Konzert und so auch mein Beitrag dazu hat mir sehr viel bedeutet und und so viel in mir ausgelöst. Da freut es mich natürlich besonders, wenn ich auch anderen damit eine Freude machen konnte!
      Charlotte

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