Odysseus aus Bagdad

„Ich heiße Saad Saad. Mein Name bedeutet auf Arabisch Hoffnung Hoffnung und auf Englisch Traurig Traurig“

Saad möchte Bagdad hinter sich lassen, das Chaos der Stadt, die Armut seiner Familie. Er will nach Europa, frei sein, eine Zukunft haben. Aber wie überwindet man Grenzen, ohne einen Dinar in der Tasche? Wie trotzt ein moderner Odysseus den Stürmen, überlebt Schiffbrüche, entkommt den Drogenhändlern, dem Gesang der Sirenen, dem Gefängniswächter und einäugigen Zyklopen?

Aufmerksam wurde ich auf das Buch über den Autor… natürlich. Eric-Emmanuel Schmitt, der Autor von „Monsieur Ibrahim und die Blumen des Koran“ und „Das Kind von Noah“ hatte etwas Neues geschrieben und das zu so einem brisanten Thema. Die Flüchtlingskrise beschäftigt uns alle und ich denke, Schmitt ist einer der wenigen Autoren, der es schafft, mit dem nötigen Ernst an eine solche Geschichte heranzugehen und einem trotzdem Freude am Lesen seines Buches zu schenken.

Die Figuren wachsen einem ans Herz. Ich habe gemeinsam mit Saad Saad philosophiert, inwiefern man sich auf nur eine seiner Meinungen, eine seiner verschiedenen Facetten der eigenen Identität beschränken kann, ohne ein Einfaltspinsel zu werden und, dass das kleine Wörtchen „Wir“ Menschen sowohl verbrüdert, als auch entfremdet. Ich habe meine Tränen gemeinsam mit ihm vergossen, als das Unglück über Familie Saad kam. Ich habe mit ihm gebangt, wenn seine Flucht auf dem Spiel stand. Ich fühlte mich, als hätte ich direkt neben ihm gestanden, als die kalten Wellen des Meeres das Boot umspülte und habe wie er die Angst vor dieser riesigen Weite gespürt. Gemeinsam mit Saad habe ich gekämpft, damit diese Reise weitergehen kann und habe neugierig neue Länder kennengelernt.

Ebenso gut, wie er einen zum Weinen und Nachdenken bringen kann, versteht es der Autor, einen innerhalb von ein paar humorvollen Zeilen wieder aufzumuntern. Besonders Saads Vater, ein verträumter Bibliothekar ist absolut hinreißend. Seine Ausdrucksweise, bei der die Nacht als „Mantel der Dunkelheit“, die Warzen als „Blüten deiner Sorgen“ und die Nachkommen als „Fleisch von meinem Fleisch, Blut von meinem Blut, Schweiß der Sterne“ bezeichnet werden, schafft es doch immer wieder, einen aus den verbitterten Grübeleien über die Ungerechtigkeit der Welt zu reißen. Durch die Parallelen zur Odyssee kann man sich immer wieder in der Geschichte als solche versinken lassen und die Welt ausblenden. Trotzdem braucht man sich keine Sorgen machen, zu vergessen, worum es eigentlich geht. Man bleibt in nachdenklicher Stille zurück, während man erschrocken dabei ist, diese Sachverhalte und Gefühle auf die Realität zu übertragen. Und auch wenn Saad Saad nicht das ist, was man sich unter einem „Durchschnittsflüchtling“ vorstellt (ich bezweifle doch stark, dass die Mehrheit der Iraker unter Saddam Hussein eine Schwäche für Agatha Christie entwickeln konnte), hilft er, den Menschen ein Gesicht und etwas mehr Menschlichkeit zurückzugeben. Denn in den Wirren der Politik geht doch zu schnell unter, dass diese „Fremden“ auch individuelle Menschen sind. Aus diesem Grund möchte ich diesen Beitrag mit einem Zitat beenden, welches Schmitt an den Anfang des Buches gesetzt hat, wie eine Mahnung, über die man vor dem Lesen nachdenken soll.

„Fremd ist nur, was nicht menschlich ist.“

Jean Giraudoux, Elpenor

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