Hozier in Köln – Schlangengespräche

Letzten Sonntag war ich mit einer meiner besten Freundinnen in Köln bei einem Konzert von Hozier. Habe mir da einen kleinen Traum erfüllt. Damit sich das Ganze auch lohnt, mussten natürlich gute Plätze ergattert werden und dafür kamen wir bereits eine Stunde vor Einlass am Palladium an. Ich fand es schon immer spannend, was für unterschiedliche Menschen sich für Hoziers Musik begeistern können, aber nie fiel es mir so sehr auf, wie beim Warten und Belauschen der „Schlangengespräche“…

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Foto: Privat

 

Hinter uns in der Reihe steht eine Frau, die mich an meine alte Kunstlehrerin erinnert. Laut… sehr laut. Und aufbrausend. Sie beschwert sich über die lange Zeit, die wir hier noch stehen und warten müssen. Es ist schließlich kalt. Und überhaupt, was fällt dem Sicherheitspersonal überhaupt ein, das so übertrieben exakt zu nehmen, die könnten ja auch mal eine Ausnahme machen. Als ich ihr sage, dass es noch eine Stunde dauert, bis wir reingelassen werden, scheint sie wenig begeistert.

Zwei Frauen – die eine trägt Schlaghosen, kein gutes Zeichen… man muss auch nicht jeden Trend mitmachen – stellen sich unauffällig vor mich in die Schlange. Sie fühlen sich wohl unbemerkt, stehen wie ganz selbstverständlich da. Nun, so unbemerkt, wie sie denken, sind sie definitiv nicht. Ich habe sie gesehen. Dreist.
Meine alte Kunstlehrerin hinter mir hat die beiden offenkundig auch gesehen, denn sie beschwert sich lauthals über diese Unverschämtheit. Dann legt sie in aller Ausführlichkeit dar, wie man den Frauen zeigen könnte, wie absolut unverfroren sie sind… In mindestens 5 verschiedenen Ausführungen.
Vor mir diskutieren zwei Schüler über E-Funktionen. Herrlich die Schule mit hier her zu bringen. Mindestens genauso herrlich, wie das blauhaarige, gepiercte Mädchen das später im Saal vor mir steht und ihrer Freundin lang und breit erklärt, welcher Grad von Melancholie ihr denn am besten gefalle. Sie möge ja melancholische Musik, aber auch nicht zu traurig, denn dann werde sie auch traurig. Jedoch auch nicht zu fröhlich, das bringe ja das Gefühl der Musik nicht richtig rüber. 30 Minuten lang höre ich mir das an, dann entscheide ich mich ob meiner Rücken- und Fußschmerzen, mich hinzusetzen… schließlich dauert es immer noch eine geschlagene dreiviertel Stunde bis zur Vorband. Das Mädchen neben mir sieht mich komisch an. Ich fühle mich verraten: Als ich vor zwei Minuten meiner Freundin bunt ausgeschmückt erzählt habe, wie ich auf die Bühne springen will und mit einem Mikro bewaffnet ein Massenhinsetzen anzetteln will („HABT IHR NICHT AUCH ALLE KEINEN BOCK MEHR? WOLLT IHR EUCH NICHT AUCH ALLE HINSETZEN?“) hatte sie mit einem „Ja“ geantwortet und sich so in unser Gespräch eingemischt. Nach einer kurzen Konversation über unser aller Leid hatte ich sie als Verbündete betrachtet. Das nennt man dann also Solidarität.
Bereits erwähnte Vorband ist in diesem Fall ein Sänger namens Rhodes, den ich wahrscheinlich kennen sollte, schließlich hat er schon mit Birdy zusammengearbeitet. So erzählt er jedenfalls, ich habe leider noch nie etwas von ihm gehört. Seine Musik ist eingängig und melancholisch. Dürfte dem Mädchen vor mir gut gefallen haben. Mir auch. Nur manchmal ein bisschen zu viele Ähnlichkeiten zwischen den Liedern. Trotzdem gefällt mir sein Stil und er bringt Emotionen in seine Musik, sodass man sofort einen Zugang dazu findet.
Dann werden die Instrumente eingespielt. Dieses Mal werde ich nicht komisch angesehen, als ich mich hinsetze. Es finden sich bereits Nachahmer. Fühle mich toll, habe einen Trend gesetzt.
Der Trend findet ein abruptes Ende, als die Lichter ausgehen und alle anfangen zu kreischen. Ich rappele mich hektisch auf. Da ist also Hozier, hierfür habe ich zweieinhalb Stunden gewartet. Und es hat sich gelohnt. Er beginnt mit einem meiner Lieblingslieder: „Angel of small death & the codeine scene“. Das Konzert ist wundervoll. Nicht nur, dass Hozier live meiner Meinung nach fast noch besser als auf CD klingt, nicht nur das Gefühl stolz zu sein, einer so heterogenen Gruppe von Fans anzugehören, nicht nur die fantastischen Background-Sängerinnen, die ganz nebenbei auch noch Cello, Keybord und wer weiß wie viele Instrumente noch spielen, nicht nur die fantastische Arbeit mit dem Licht, mit den Glühbirnen, die auf der Bühne verteilt sind und manchmal einen Takt vorgeben, manchmal jedoch einfach eine wundervoll intime Stimmung bilden.
Es ist nichts allein, was mir so gut gefällt… nun, was wohl am wichtigsten ist, ist natürlich Hoziers Talent und seine Begeisterung . Einfach die Kombination aus allem ist es, was für mich einen so schönen Abend ausmacht.
Es ist ein wunderschönes Gefühl, Lieder, deren Texte ich mit dem Herzen singen kann, endlich live hören und auch sehen zu können. Die so vertrauten Emotionen im Gesicht, in den Augen des Sängers zu sehen, in dessen Stimme ich sie schon so oft gehört hatte. Zusätzlich zu dem für mich Altvertrauten gibts noch etwas von David Bowie und Paul Mccartney. Musik, die ich leider nur flüchtig kenne, hat Hozier auf seine ganz eigene Art interpretiert und mich so auch ganz neu dafür begeistert. Man kann sich einfach völlig darauf einlassen, wenn er eine so unwiderstehliche Hommage an diese großen Musiker spielt. Man verliert die Scheu vor der „Kulturmusik“ und nimmt sie nur noch als das wahr, was sie ist: Gute Musik, die bereits Viele begeistert hat.

Und der Kerl hat außerdem noch Humor. Da war ich dann ganz baff. Ich habe mir Hozier immer als schüchtern-verschlossen Menschen vorgestellt, der hauptsächlich über seine Musik kommuniziert. Ganz so verschlossen wirkte er dann aber doch nicht. Hier eine frei übersetzte Wiedergabe eines Monologs, nachdem er mal wieder zwischen zwei Liedern die Gitarre gewechselt hatte: „Ich liebe es ja, wenn auf Konzerten technische Probleme auftreten. Es erinnert uns alle daran, dass das hier das Leben ist… nicht, dass es hier technische Probleme gäbe. Es wäre ja eine total Offensichtliche Ablenkung von mir, wenn ich euch hiermit solange ablenken wollen würde. Das würde ich ja niemals tun…“

Ironie, die das Herz zum schmelzen bringt. Oder es kommt da vielleicht doch das Fangirl in mir hoch. Ich versuche ja immer diese unvernünftige, mädchenhaft kreischende Seite meiner Selbst etwas bedeckt zu halten, aber so ganz klappt das wohl auch nicht.

Ein weiteres Beispiel für seinen Humor: „Könnt ihr mir ein paar Töne nachsingen? Ich denke, das könnt ihr. Traut euch ruhig, ich werde euch nicht verurteilen“ Er singt. Wir singen.
„Hmmm, ja. Ich sag jetzt mal nichts dazu. Ihr könnt euch ja selbst Gedanken machen, wie das war.“ Brauche ich nicht, es war scheiße. Aber das macht  nichts, da er jetzt anfängt „To be Alone“ zu singen und weiterhin singt jeder mit. Auch das macht nichts. Die Lautsprecher sind definitiv laut genug, sodass man nur hört, dass andere singen, nicht wie sie singen. Meine Ohren werden sich nach diesem Konzertbesuch anfühlen, wie nach einer langen, langen Diskonacht.

Auch das ist mir egal, denn man kann alles vergessen. Bei „Take me to church“ gröle auch ich mit. Unsere Fanhymne… Auch wenn „Arsonists Lullabye“ eher mein Ding ist.

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Foto: Privat

 

Der für mich schönste Moment ist, als „Cherry Wine“ kommt. Schon immer eines meiner Lieblingslieder. So wunderschön und so einfach. Nur mit seiner Gitarre steht Hozier auf der Bühne zwischen Glühbirnen.

Viel zu abrupt endet das Konzert und man wird zurück in die Realität geworfen. Jeder drängt sich hinaus. Wir sind keine Gruppe mehr, nur noch völlig unterschiedliche Menschen, die ihres Weges gehen und grade zufällig im gleichen Konzertsaal waren.

 

 

 

 

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3 thoughts on “Hozier in Köln – Schlangengespräche

  1. Wow, was für ein toller Beitrag! Bin gestern durch Zufall darauf gestoßen und er ist echt genial. Ich liebe deinen Schreibstil; mehr als einmal musste ich beim Lesen wirklich laut lachen! Das Fangirl in sich… ja da kann ich auch ein Lied von singen 😀 Ich war ebenfalls auf einem Konzert von Hozier (allerdings auf dem in Berlin) und wirklich: Du hast es so toll geschafft, die Stimmung dort einzufangen und aufzuschreiben. Habe mir daraufhin noch gestern Abend/Nacht alles von deinem Blog durchgelesen und du hast definitiv einen neuen Fan :)! Ich hoffe, das klingt nicht allzu creepy, aber ich habe irgendwie das Gefühl, dass wir uns ziemlich ähnlich sind und uns sehr gut verstehen könnten 🙂 Du hast wirklich Talent, mach weiter so!
    Ganz liebe (und hoffentlich nicht allzu seltsam wirkende :D) Grüße, Finja 🙂

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    1. Hi,
      du kannst gar nicht glauben, wie sehr ich mich über deine Antwort gefreut habe! Es hat mir unheimlich viel Spaß gemacht, diesen Beitrag zu schreiben (er entstand noch in der Nacht nach dem Konzert) und ich bin wirklich, wirklich froh, diese Freude auch nur im Geringsten vermittelt zu haben. Als ein leider manchmal recht selbstkritischer Mensch hat mich dein „creepy“ und „Fan“ sein wirklich aufgebaut 🙂
      Ich habe bisher nur kurz in deinen Blog reingeschaut, aber das wird noch nachgeholt (höchstwahrscheinlich heute Nacht 😀 )… und: Du warst in Irland! Irland steht einfach so gaaaanz weit oben auf der Liste der Länder, die noch gesehen werden müssen!
      Nun ja, ich fand deine Grüße nicht im Geringsten seltsam und gebe – hoffentlich nicht wesentlich seltsamere – Grüße zurück, Charlotte

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      1. Hey!
        Das freut mich zu hören und es beruhigt mich, dass meine Begeisterung nicht als creepy empfunden wird :D. Und das hast du wirklich! Ich bin definitiv kein Mensch, der so etwas leichtfertig sagt, sondern meine es wirklich so :). Ich liebe deine Art zu schreiben!
        Und vielen Dank für den netten Kommentar auf meinem Blog! Das war aber gar nicht unbedingt meine Absicht, ich wollte dir wirklich einfach nur sagen, wie cool ich deinen Blog finde. Über neue Leser freue ich mich natürlich aber auch trotzdem immer 😉
        Die Irlandreise war auch schon sooo lange ein Traum von mir und ich kann auch immer noch nicht fassen, dass ich da war. Irland ist wunderschön!
        Ich finde deine Grüße ebensowenig seltsam 😀
        Liebe Grüße, Finja

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