Gastrezension: Erich Maria Remarque „Die Nacht von Lissabon“

Heute möchte ich euch eine Gastrezension von Pia Steckelbach vorstellen. Sie ist eine Bücherliebhaberin „irgendwo in Nordrhein-Westfahlen“ mit dem Traum, Journalistin zu werden. Bis unsere Kooperation zu einem tatsächlichen Ergebnis geführt hat, hat es eine Weile gedauert, doch nun möchte ich euch endlich ihre wundervolle Rezension zum Roman „Die Nacht von Lissabon“ von Erich Maria Remarque vorstellen.
Meinen Bericht über das Buch „Stabat mater“ findet ihr auf ihrem Blog http://buchstory.blogspot.de/

Eine Nacht, eine Geschichte, ein Leben – ein Roman der Erinnerung

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Es ist Nacht in Lissabon, Portugal, im Jahr 1942. Der zweite Weltkrieg tobt, und hunderte Emigranten befinden sich in der Hauptstadt der Hoffnung. Sie alle haben ein Ziel: ein Ticket für eines der Schiffe nach Amerika.

Ein Mann steht am Kai und beobachtet eines der rettenden Boote, er kommt aus Deutschland und ist mit seiner Frau vor den Nazi Schergen geflohen. Plötzlich wendet sich ein Fremder zu ihm, er will ihm seine Karten schenken. Dabei stellt er eine Bedingung: er will ihm in dieser Nacht seine Geschichte erzählen.

Der Unbekannte nennt sich „Schwarz“, er selbst hat seinen Pass von einem Emigranten vererbt bekommen. In Deutschland ins Konzentrationslager deportiert, war er schon 1939 nach Frankreich geflohen. Seine Frau, seine Identität und sein Leben hat er in Nazi Deutschland zurückgelassen. Doch auch ihn holt der „Emigranten Koller“ ein, eine unbestimmte Sehnsucht nach Heimat und Liebe, die schon vielen Geflohenen das Leben gekostet hat. Auch er wagt den mörderischen Weg zurück nach Deutschland und trifft seine Frau Helen in Osnabrück wieder. Doch die Realität des Krieges, die ständige Angst und Ungewissheit haben beide verändert; sie sind einander fremd geworden.

Schwarz‘ Zeit in Osnabrück ist kurz, Helens Bruder, ein hoher Offizier der Nazis, ist auf der Suche nach ihm, er muss erneut fliehen. Aber Helen wird ihn kein zweites Mal gehen lassen, sie hat nichts mehr zu verlieren. Es beginnt eine gemeinsame Flucht, die sich zu einer Reise zu sich selbst und ihrer Liebe entwickelt.

 

„Er reichte sie mir, ohne zu antworten. Sie knisterten in meinen Händen. Sie waren echt. Sie zu besitzen, war der Unterschied zwischen Untergang und Rettung. Selbst wenn ich sie nicht benutzen konnte, weil wir keine Amerikanischen Visa hatten, konnte ich morgen vormittag noch versuchen, daraufhin welche zu bekommen – oder ich konnte sie zumindest verkaufen. Das bedeutete sechs Monate mehr Leben. Ich verstand den Mann nicht.“

 

„Alles was ich glaubte, tun zu sollen, war in einer merkwürdigen Polarität zugleich auch das gewesen, was ich auf gar keine  Fall hätte tun sollen, so erging es mir jetzt. Anstatt den Tag zu umarmen, mich ihm völlig hinzugeben und Helen in mich aufzunehmen mit allen meinen Sinnen, ging ich den brennenden Wunsche, es zu tun und doch mit solcher Vorsicht, als wäre ich aus Glas, und mit Helen schien es nicht anders zu sein. Wir litten uns waren voller Ecken und Spitzen, und erst die Dämmerung brachte die Furcht, uns zu verlieren, dass wir uns plötzlich wieder erkannten.“

 

„“Wir sind Tote“ flüsterte Helen. „Beide. Wir haben keine Gesetze mehr. Du bist tot, mit einem toten Pass, und ich bin heute im Krankenhaus gestorben. Sieh unsere Kleider an! Wie bunte und goldene Fledermäuse huschen wir in einem gestorbenen Jahrhundert, und das war es auch mit seinen Menuetten, seiner Grazie und seinem Rokokohimmel – aber an seinem Ende stand immer die Guillotine, so wie sie immer überall steht, nach jedem Fest im kühlen Morgen, blitzend und unerbittlich. Wo wird unsere stehen, Liebster?““ 

 

Erich Maria Remarque füllt den Krieg mit Farben, erweckt die dunklen Epochen der Vergangenheit zum Leben. Die ganze Welt wird erschüttert, aber ihm gelingt es den Blick auf Einzelschicksale zu lenken. Die zerbrechliche und doch so tiefe Verbindung zwischen Helen und Schwarz, die Lebe- und Abenteuerlust Helens und die Angst vor der Zukunft lassen die Flucht zu einem Aufleben ihrer Liebe werden. Denn Helen ist krebskrank und will in ihrer verbleibenden Zeit einmal frei sein. In der ständigen Gefahr blüht sie auf – der Krieg scheint wie eine Therapie für sie. Mit dem Tod vor Augen erlebt sie die Flucht als Abenteuer; an Amerika denkt sie nicht mehr.

Beide wissen um Helens Schicksal bescheid, keiner von ihnen spricht es an. Die zerbrechliche und zarte Beziehung scheitert nicht an dem Versteckspiel, sie wächst daran. Ihre Reise ist das Ziel, sie leben als gäbe es kein morgen. Ihre Liebe ist der Kontrast zu dem grauenvollen zweiten Weltkrieg, der um sie herum alles zerstört.

In Lissabon angelangt begeht Helen Selbstmord. Es ist die unweigerliche Konsequenz ihrer Entscheidung, ihre Erfüllung auf der Reise zu finden. Schwarz aber reißt ihr Tod jeglichen Boden unter den Füßen hinweg. Er verschenkt die Schiffskarten an den deutschen Emigranten und erzählt ihm seine Geschichte – Helen soll in der Erinnerung eines anderen weiterleben.

Eine Nacht und ein ganzes Leben später hat er erneut seine Identität verloren und bedingt das Los eines anderen. Es ist das Kollektivschicksal der Emigranten des zwanzigsten Jahrhunderts, das Remarque in „Die Nacht von Lissabon“ umreißt. Zart, berührend und stellenweise fast philosophisch schafft er Krimi, Liebesroman und großes Rätsel, vor allem aber einen bedeutungsvollen Jahrhundertepos.

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