Konzerthaus Berlin – Ein Ausflug in eine völlig fremde Welt

Als Fan von Philippe Jaroussky, dem französischen Countertenor, war ich begeistert zu hören, dass er in Berlin mit Anna Prohaska Pergolesis Version von „Stabat mater“ singt. Das Stück ist die Vertonung eines Gedichtes aus dem 13. Jahrhundert, bei dem der Schmerz und die Trauer Mariens, der „stehenden Mutter“, was die direkte Übersetzung des Titels ist, thematisiert werden. 1736 schrieb Giovanni Battista Pergolesi diese musikalische Umsetzung, die zwar ursprünglich für Chöre komponiert wurde, hier jedoch als Duett aufgeführt wurde. Das Stück ist hoch emotional, in einem Wechsel zwischen der stillen Trauer und dem weinenden Aufschrei einer Mutter, die ihr Kind verloren sieht.
In meiner besonderen Freude, Jaroussky singen zu hören, enttäuschte es mich natürlich, als ich hörte, dass er krank sei.

Zunächst eingeschüchtert vom opulenten Konzerthaus hatte ich mich erneut wie ein fünfjähriges Mädchen gefühlt, als ich den roten Teppich über die Treppen hinauf gegangen war. Im Gebäude fühlt man sich erst einmal etwas erschlagen von der Innenausstattung in Superlativen:  Säulen, Fresken, Kronleuchter und Einlegearbeiten im Boden scheinen kein Ende zu nehmen.

Nun war ich natürlich nicht wegen des Gebäudes, sondern wegen der Musik den weiten Weg nach Berlin gekommen.
In der ersten Hälfte wurde Schuberts „Tragische Sinfonie“ gespielt. Nun bin ich nicht gerade ein Fan von Schubert, doch der Orchesterdynamik und der Begeisterung der Dirigentin Natalie Stutzmanns konnte man sich kaum entziehen. Die Musiker tanzten, wiegten ihre Instrumente, sodass ihre Lackschuhe im Licht der riesigen Kronleuchter blitzten. Es erschien einem alles wie im Märchen, viel zu vornehm. In der Pause hörte ich französische Stimmen neben mir und ein Mann schnäuzte sich mit einem königsblauen Stofftaschentuch die Nase. Selten habe ich mich so fremd gefühlt und war gleichzeitig so fasziniert.
Die zweite Hälfte beinhaltete nun den Teil, den eigentlich Jaroussky hatte singen sollen: „Stabat mater“. Das Stück begann sanft und gab einem Zeit, bis die beiden Sängerinnen vorgestellt werden. Statt Jaroussky sang die Dirigentin Natalie Stutzmann gemeinsam mit Prohaska, ein atemberaubendes Erlebnis! Nicht Jarousskys glockenklare Stimme, sondern die Weiche in Stutzmanns Stimme war es, die einen zu Tränen rührte. Es war unglaublich beeindruckend, Stutzmann zu beobachten, wie sie nicht nur sang, sondern gleichzeitig (!) dirigierte. Nun war es zwar nicht das erste Mal, dass ich die Frau gleichzeitig als Sängerin und Dirigentin sah – bei den Händel-Festspielen in Halle hatte sie bereits gemeinsam mit Jaroussky gesungen, während sie gleichzeitig dirigierte – doch das machte es nicht weniger beeindruckend. Natalie Stutzmann war es, die als die Frau des Abends gefeiert wurde. Trotz dieser Überraschung darf die andere Frau des Abends nicht vergessen werden: Anna Prohaska. Ihre Stimme war heller, klarer und in nichts stand sie Stutzmann nach. Manchmal war ihre Stimme metallisch-beißend in dem Schmerz, den sie besang, manchmal verschmolz sie mit der dunklen Weiche Stutzmanns.

Am Ende gab es Standing Ovations, bis die Musiker keine Lust mehr zu haben schienen und die Bühne verließen. Ein verdienter Applaus.

Und so beendete ich diesen Ausflug in eine völlig fremde Welt mit einem lachenden und einem weinenden Auge – weinend, da ich diesen Text so gern Jaroussky gewidmet hätte und lachend, da Stutzmann definitiv mehr als nur ein Ersatz für ihn war.

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